Kirchenlehrerin

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Was ist eigentlich ein/e Kirchenlehrer/in?

Kirchenlehrer (lat. doctor Ecclesiae) ist ein Titel, den der Papst für herausragende Leistungen in der Theologie und in der Glaubensweitergabe vergibt. In der Regel wurden mit diesem Titel bestimmte ausgewählte Heilige der Kirche geehrt; in seltenen Ausnahmen, wie z.B. bei Albertus Magnus, erfolgte die Heiligsprechung zugleich mit der Erhebung zum Kirchenlehrer. Der Titel Kirchenlehrer entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert aus dem Titel Kirchenvater. Im Gegensatz zu diesem ist der Titel Kirchenlehrer nicht auf das christliche Altertum beschränkt. Die Kirchenlehrer bringen den Menschen ihrer Zeit und oftmals auch späterer Zeiten die Lehre des eigentlichen Kirchenlehrers Jesus Christus auf besondere Weise nahe und sind damit Zeugen der Glaubenslehre der Kirche.
Gemäß der Festlegung durch Papst Benedikt XIV. (De servorum Dei beatificatione et beatorum canonizatione, lib. IV, p.2, cap. 11, aus dem Jahr 1741) sind vier Merkmale erforderlich, damit jemand als Kirchenlehrer bzw. Kirchenlehrerin (lat. doctor Ecclesiae) geehrt werden kann:
• Rechtgläubigkeit der Lehre („doctrina orthodoxa“): verstanden als Lehrgemeinschaft mit der Kirche
• Heiligkeit des Lebens („sanctitas vitae“): Anerkennung des vorbildlichen Lebens durch die Verehrung bzw. ausdrückliche Anerkennung der Kirche
• herausragende Lehre („doctrina eminens“): Nicht nur die streng wissenschaftliche Theologie ist hier gemeint, sondern auch der Aspekt der mystisch-spirituellen Erfahrung und Wegweisung
• Anerkennung bzw. offizielle Ernennung durch die Kirche (Papst oder zuständige Vatikanische Kongregation für die Heiligsprechungen; „expressa ecclesiae declaratio“)
(vgl. www.abtei-st-hildegard.de)

In der römisch-katholischen Kirche gibt es 36 Kirchenlehrer, darunter vier Frauen: die heilige Katharina von Siena, die heilige Teresa von Avila, die heilige Therese von Lisieux und die heilige Hildegard von Bingen.

Am 30. September 1897 stirbt die heilige Therese oder wie sie sagt: „Ich trete ins Leben ein.“ Nur ein Jahr später, nämlich 1898, erscheint ihre „Geschichte einer Seele“ und berührt viele Herzen, nährt sie in ihrer Spiritualität und begeistert mehrere Päpste. Es keimt die Idee eines Doktorats. In dieser Zeit gießt Therese ihren „Rosenregen“ in Form von Wunderheilungen auf die Erde. Inzwischen ist Therese in der ganzen Welt bekannt und geliebt und man denkt über den Vorschlag nach, sie am Tag ihrer Heiligsprechung, am 17. Mai 1925, zur Kirchenlehrerin zu ernennen, allerdings etwas verfrüht.
Später, im Jahre 1932, als die Krypta der Basilika in Lisieux eingeweiht wird, nimmt der Jesuitenpater Abbé Desbucquois die Idee des Doktorats wieder auf. Die anwesenden Prälaten willigen ein. Die Zeitschrift „La Croix“ veröffentlicht die Neuigkeit. Mehr als 600 Unterschriften von Bischöfen begleiten die Bittschrift zu Papst Pius XI., der ein Theresienverehrer ist. Dieser jedoch lehnt zunächst ab, mit der Begründung, die heilige Therese sei ... eine Frau.
Im Jahr 1970 ernennt Papst Paul VI. die heilige Katharina von Siena und die heilige Teresa von Avila zu „Kirchenlehrerinnen“.
1973 wird die Frage des Doktorats von Therese durch Kardinal Garonne wieder aufgeworfen. 1981 richtet Kardinal Etchegaray im Namen aller französischer Bischöfe offiziell eine Bitte an Papst Johannes Paul II. 1989 bittet Monseigneur Pican, Bischof von Bayeux und Lisieux, Monseigneur Gaucher, sich dieser Frage anzunehmen. 1991 machen sich die unbeschuhten Karmeliten für das Doktorat stark.
Am 24. August 1997 gibt Papst Johannes Paul II. während des Weltjugendtages in Paris vor mehr als einer Million Jugendlicher seine Absicht bekannt, Therese von Lisieux zur Kirchenlehrerin zu ernennen. Die Menge jubelt vor Freude.
Am 19. Oktober 1997 wird die heilige Therese vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz in Rom zur Kirchenlehrerin ernannt.

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Am 19. Oktober 1997 blickte die ganze katholische Welt nach Rom, als Papst Johannes Paul II. die heilige Therese zur Kirchenlehrerin erhob.

In der fast zweitausendjährigen Geschichte der katholischen Kirche haben dreiunddreißig Heilige diesen Ehrentitel erhalten, unter ihnen die großen Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus, Augustinus, Gregor I. und große Theologen wie Thomas von Aquin, Anselm von Canterbury und Bernhard von Clairvaux.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden auch zwei großartige Frauen in den Kreis der Kirchenlehrer aufgenommen: Teresa von Avila und Katharina von Siena. Als dreiunddreißigste und jüngste von allen kam nun die kleine heilige Therese vom Kinde Jesus und vom heiligen Antlitz hinzu. Das ist in mancherlei Hinsicht eine Sensation und darum fragen sich viele: "Wie ist das möglich, da sie doch keine Theologie studiert und statt theologischer Werke nur ein paar Hefte mit ihrer Lebensbeschreibung, Briefe, Gedichte, Gebete, Theaterstücke und 'Letzte Worte' hinterlassen hat?"

In ihrer Selbstbiographie gibt Therese uns eine Antwort auf diese Frage. Sie bekennt, dass kein theologisches Werk, sondern Jesus allein sie belehrt und in der "Wissenschaft der Liebe" unterwiesen hat. Sie versteht darunter das Wissen um die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, die wir täglich, auch in den kleinsten Ereignissen, erfahren. Diese Erkenntnis ließ Therese den "Kleinen Weg der Liebe" im Alltag entdecken, auf dem sie zu größter Heiligkeit gelangte. Dadurch, und nicht durch große Taten, ist sie in der ganzen Welt bekannt und ein Vorbild für unzählige Menschen geworden.

Darüber hinaus wurde Therese durch ihr beispielhaftes Leben und ihre Lehre ein helles Licht für die Dunkelheiten unseres Jahrhunderts, wie zum Beispiel Werteverfall, Glaubensabfall, Sinn- und Orientierungslosigkeit, Drogenabhängigkeit, Gewaltverherrlichung. Schon vor hundert Jahren hat Therese Gedanken des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweggenommen, indem sie der biblischen und eucharistischen Bewegung den Weg bahnte und ein lebendiges Glied am Leib der Kirche sein wollte. (...) "Im Herzen der Kirche, die meine Mutter ist, werde ich die Liebe sein, so werde ich alles sein!" (Therese von Lisieux)
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Die Bezeichnung Kirchenlehrer ist ein offizieller Titel, den die katholische Kirche einem Heiligen verleiht, der sich durch Rechtgläubigkeit der Lehre, Heiligkeit des Lebens oder hervorragende wissenschaftliche Leistung und ausdrückliche Anerkennung durch die Kirche auszeichnet. Die Ernennung erfolgt durch den Papst.
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vgl.: Monika-Maria Stöcker, Das Abenteuer einer großen Liebe, Therese von Lisieux (1873-1897), Ein Jugendbuch nicht nur für junge Leute, Johannes-Verlag, Leutesdorf, 1998, S. 218-219.